DIN 77006: Individuelle Gestaltung von IP-Managementsystemen für Unternehmen und IP-Dienstleister

Wenige Wochen vor der für Mai geplanten Veröffentlichung der DIN 77006 (Anforderungen an Intellectual Property Managementsysteme) hatten Patentanwälte und Praktiker aus der Wirtschaft Gelegenheit in einem Einführungsseminar wichtige Aspekte dieser neuen Norm kennenzulernen, die den Umgang mit IP im Unternehmen, die Bereitstellung von IP-Dienstleistungen und die Zusammenarbeit von Unternehmen in vielfältiger Weise beeinflussen wird.

Professor Dr. Ludger Knepper vom Aachen Institute of Applied Sciences e. V. (AcIAS) an der FH Aachen und Sven Calsbach, Mitglied im Normenausschuss und Moderator der etablierten TÜV-Lizenzseminare zum Qualitätsmanagement hatten eingeladen, die Teilnehmer in rustikaler Hörsaal-Atmosphäre über Inhalt und letzte Änderungen am Normenentwurf zu informieren.

Angenommen wurde das Angebot der Tagesveranstaltung von einem interessierten Publikum, bestehend aus Vertretern renommierter Patentanwalts-Kanzleien, Produzenten innovativer Produkte, Angehörigen von Hochschulforschungsinstituten der RWTH-Aachen, sowie einem Qualitätsleiter eines Unternehmens, welches das IP Portfolio eine DAX-Konzerns weltweit steuert.

Auf der inhaltlichen Grundlage des finalen Normen-Entwurfs wurden wesentliche Begriffe zu Managementsystemen allgemein und zur DIN 77006 vorgestellt und auch die Quellen und korrespondierenden ISO-Normen dazu referenziert.

Die Kompatibilität der Norm zu Qualitäts-, Umwelt- und Arbeitsschutz-Managementsystemen macht es Unternehmen künftig leicht, die Anforderungen der Norm in die existenten Systeme zu integrieren.

Durch die Erörterung praktischer Beispiele mit den Teilnehmern zeigte sich, dass auch diese Norm unter Berücksichtigung der jeweiligen Unternehmenssituation interpretiert werden muss. IP-Managementsysteme müssen individuell auf das Geschäftsmodel des Unternehmens angepasst werden. Patentanwälte z.B. sind Dienstleister im IP-Umfeld und unterstützen Ihre Mandanten bei der bei IP-Administration, IP-Durchsetzung und IP-Verteidigung. Diese Dienstleiter schaffen (generieren) selbst keine eigene IP, haben aber sehr wohl den Nachweis normenkonformer Prozesse zu erbringen.

Im Gegensatz zu den Dienstleistern schaffen Forschungsinstitute und Unternehmen IP, sowohl in ihrer Wertschöpfung, als auch, im Idealfall, in der frühzeitigen Besetzung strategischer Positionen. Somit sind diese Organisationen in jedem Fall von den strategischen Ansätzen der Normenanforderungen betroffen, auch wenn sie Prozesse der IP-Administration an qualifizierte Dienstleister auslagern.

Einig waren sich allen Teilnehmer bei der Feststellung, dass mit den Prozessen zur Steuerung von IP-Risiken allen Beteiligten ein Standard an die Hand gegeben wird, der es erlaubt Compliance Risiken zu erkennen. So ist es letztlich möglich, proaktiv zu handeln, ehe Vorwürfe zur Verletzung von Sorgfaltspflichten erhoben werden können (Siehe auch hier).

Der Nachmittag stand ganz im Zeichen von Beispielen zu Einführung, Verwirklichung und Aufrechterhaltung von Managementsystemen. Hervorzuheben war hier der Beitrag von Frank Schäfers von der Bayer Intellectual Property GmbH (BIP), der den Teilnehmern die Struktur und ausgewählte Prozesse des BIP-Managementsystems präsentierte. Die Implementierung der Anforderungen der DIN 77006 ist für die BIP ein wichtiger nächster Schritt.

Dem Beitrag folgend stellte Sven Calsbach anhand von unterschiedlichen Wirtschaftsbetrieben Umsetzungs-Strategien vor. Mögliche auftretende Schwierigkeiten wurden dabei ebenso beleuchtet, wie der ergänzende Nutzen einer systematischen Herangehensweise für das ganze Unternehmen.

Die Teilnehmer erkannten hier deutlich die notwendige Transferleistung von den generischen Anforderungen der Norm hin zu einer unternehmensindividuellen Abbildung und Ausgestaltung der Prozesse. Die DIN 77006 ist eben keine Produktnorm, wie z.B. DIN A4, die ein Papierformat präzise festschreibt.

Die Management-Norm beschreibt, dass Prozesse identifiziert und abgebildet werden müssen. Sie schreibt aber nicht vor, wie es genau in jedem Unternehmen geschehen muss.

Die Norm legt Mindestanforderungen fest, wenn bestimmte IP-Prozesse vom anwendenden Unternehmen abgebildet werden.

Positiv wahrgenommen wurde insbesondere der Nutzen des vorgestellten Normenanhangs. In dem Anhang werden die Anforderungen der Kapitel 4-10 der DIN 77006 kongruent erläutert und mit einer Vielzahl von Beispielen zur Umsetzung und zur Interpretation der Anforderungen versehen. Der Anwender wird so in die Lage versetzt, eine erste Einschätzung vorzunehmen ob und ggf. in welchem sein Unternehmen oder sein Bereich von den Anforderungen betroffen ist.

Ein IP-Managementsystem einzuführen ist eine Sache, ein IP-Managementsystem aufrecht zu erhalten eine ganze Andere. Der Seminartag endet inhaltlich mit einer Erläuterung von internen Audits, die dabei helfen sollen Defizite aufzuzeigen und bereits etablierten IP-Prozesse systematisch zu überwachen und zu verbessern. Auch hier wurde deutlich, dass bei einer Reihe von Firmen durchaus existente interne Auditstrukturen genutzt werden können. Dem Audit-Personal sollten dazu Auditkriterien für IP-Prozesse und die Anforderung der DIN 77006 geeignet vermittelt werden.

Fazit des Tages: Die neue DIN 77006 ist ein spannender Ansatz um IP-Geschäftsprozesse zu analysieren, zu optimieren und systematisch abzubilden. So wird eine Organisationsstruktur geschaffen, die

Risiken erkennt, effizientes und rechtsicheres Handeln ermöglich und IP unternehmensweit strategisch in bestehende Managementsysteme integriert.

 


Zum Flyer IPM-Seminar

Bereits in Kürze wird AcIAS weitere Orientierungs-

calsbach@calsbach.de

seminare auch online anbieten. Die für den 22.04. in Aachen geplante Veranstaltung wird aus gegebenem Anlass auf den 19.05. oder 18.06. verschoben. Gerne können Sie sich bei Interesse auch direkt mit Sven Calsbach (calsbach@calsbach.de) oder dem Veranstalter Prof. Dr. Ludger Knepper (knepper@fh-aachen.de) in Verbindung setzen.

Sven Calsbach ist Mitglied im Normenausschuss DIN 77006 und, gemeinsam mit Prof. Dr. Christian Zwirner, Leiter des Referats Evaluierung Auditierung der QIMIP, der Qualitätsinitiative für das Management von IP, einer Abteilung des Deutschen Instituts für Erfindungswesen (D.I.E.e.V.).

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