Umsetzung der DIN 77006 – Ein Appell an ein zeitgemäßes IP-Changemanagement

Das Interesse an einem gut funktionierenden IP-Managementsystem ist ungebrochen hoch. Es nimmt sogar weiterhin signifikant zu. Bietet doch die Norm die Chance, richtig mit dem Schutz innovativer Lösungen, besonders im Fall der inzwischen überall präsenten Digitalisierung, umzugehen.

Das gilt unabhängig von der Größe des Unternehmens oder der Organisation. Gleichzeitig wird dabei auch das Risiko der Verletzung fremder Schutzrechte verringert, bzw. transparent gemacht (Berres, et al., 2021).

Seit Juni 2020 steht die DIN 77006 (Intellectual Property Managementsysteme – Anforderungen) der Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie behandelt alle Vorgänge in einem Unternehmen / Organisation, bei denen der Umgang mit IP in der betrieblichen Wertschöpfungskette zum Tragen kommt (Kaiser & Tümmler, 2020). Mittlerweile liegt die Norm in Deutsch und in einer offiziellen englischen Übersetzung vor (Deutsche Industrie Norm, 2020).

Aber wie steht es mit der Umsetzung?

Bei so viel Begeisterung wäre doch zu erwarten, dass seit 2020, trotz Corona, schon eine Vielzahl von Unternehmen diese Norm bei sich implementiert hätten. – Weit gefehlt. In Wahrheit haben nur wenige Unternehmen / Organisationen haben sich mit der Umsetzung beschäftigt und noch weniger haben sie abgeschlossen, obwohl eine Implementierung bspw. in Rheinland-Pfalz sogar im Rahmen der BITT-Technologieberatung finanziell gefördert wird, (Haag & Deursen, 2022). Wo liegen also die Probleme?

  • Ist die Implementierung eines solchen Managementsystems in eine bestehende Organisation so aufwendig?
  • Gibt es so viele (zu viele?) Regelwerke, die beachtet werden sollten, sodass die Angst vor noch mehr Bürokratie die Umsetzung bremst?
  • Ist es die noch unterschätzte Bedeutung des IPs im Sinne eines „Non-Tangible Assets“, von der befürchtet wird, dass mehr Kosten entstehen als es Nutzen bringt?
  • Oder handelt es sich um ein Phänomen der Zeit: Keine Zeit für Veränderungen, weil die Aufmerksamkeit auf aktuelle Ereignisse gerichtet ist, die fast nur noch Hiobsbotschaften beinhalten und keine anderen Themen mehr wichtig genug erscheinen?

Struktur beginnt mit einem Plan. Wo bin ich? Wo will/muss ich hin?

Ein Blick über den berühmten Tellerrand hilft. Peter Wellmann (Wellmann, 2022), analysiert eine ähnliche Situation bei Problemen bei der Einführung bzw. Umsetzung der Medical Device Directive (MDR), die derzeit eine ganze Branche (Medizintechnik) betrifft. Seine Antwort lautet: Mangelnde Struktur. „Struktur beginnt mit einem Plan. Wo bin ich? Wo will/muss ich hin? Und dieser Plan endet eben nicht nach der MDR-Einführung. Die Probleme sitzen in eingefahrenen Prozessen …“.

Übertragen auf die oben angesprochene Problemstellung ist nicht die Einführung der Norm das eigentliche Problem, sondern die im Allgemeinen nicht auf die Bedürfnisse der Anwender ausgerichteten und nicht standardisierten Prozesse für ein unternehmensweites IP-Management. Es geht also auch hier um Struktur, um das Miteinander, um Verringerung von Reibungsverlusten.

Die tägliche Routine im Unternehmen ist einerseits geprägt von dem Bedürfnis, die Aufgaben so termingerecht und zielorientiert wie möglich zu erledigen (Stichwort: Just in Time-Arbeit) und anderseits von der Notwendigkeit auf aktuelle Situationen schnell und angemessen zu reagieren (Stichwort: Krisen-Management).

Für ein gegenseitiges Verständnis zu dringend notwendigen Maßnahmen ist häufig a) keine Zeit und b) keine Einsicht in den Bedarf. Es sind oft „Einzelkämpfer“ am Werk. Der „Teamgedanke“ in einem erweiterten Sinn fehlt, obwohl sich nahezu jedes Unternehmen / Organisation genau das auf die Fahnen geschrieben hat. Darüber hinaus wird dieser Umstand womöglich auch dadurch verstärkt, dass der positive Effekt der Norm wohl nicht unmittelbar zu spüren ist, sondern erst nach und nach zutage tritt.

Neben diesem Einzelkämpferverhalten, das uns im Übrigen schon in der Schule anerzogen und eingeübt wurde (individuelle Benotung, Leistungsbeurteilung etc.) kommt noch ein psychosozialer Faktor hinzu: Die Angst vor Veränderungen. „Warum sollen wir Neuerungen einführen, da doch das Bisherige gut funktioniert?“. Solche oder ähnlich Sätze sind jedem bekannt und stellen oft unüberwindbare Hindernisse im „Change-Management“ dar (Recklies, 2001).

Genauso verhält es sich mit der Einführung von Maßnahmen, die der DIN 77006 entsprechen. Es zeigt sich vor allem die Notwendigkeit, das mangelnde Verständnis füreinander zu beheben und aufzuzeigen, dass das IP-Management nicht nur die Aufgabe einer „bürokratischen, kostenintensiven Unterabteilung“ des Unternehmens oder der Organisation ist. IP-Management ist eine Aufgabe für die gesamte, am Erfolg orientierte Organisation und liefert Werkzeuge zur Steigerung der Werthaltigkeit des Unternehmens. Die Vernetzung der IP-Abteilung mit dem Unternehmens-Management, dem Marketing, der Finanz- und Controlling Abteilung, dem Änderungswesen oder der IT ist oft zwingend erforderlich. Eine Anbindung an das Innovationsmanagement einer Forschungs-und Entwicklungsabteilung ist sicher nicht ausreichend.

Die Einführung der IP-Qualitätsnorm nur ein Teil der Lösung. Weit wichtiger ist die Einführung einer neuen IP-Kultur

Und wie kann eine Norm helfen? Die DIN 77006 bietet eine Orientierung und Vorgaben für Prozesse zur Verbesserung der Effizienz (Dinge richtig tun), jedoch keine Anleitung zur Effektivität (die richtigen Dinge tun). Und damit ist die Norm nur ein erster Teil der Lösung. Der zweite, aber schwierigerer und daher wichtigerer Teil des Veränderungsprozesses ist das Heranführen des (nicht-IP-)Managements an die betriebswirtschaftlichen Aspekte von IP und dessen Beitrag zur Wertschöpfung im Unternehmen bzw. der Organisation, d.h. die Einführung einer neuen IP-Kultur. Darüber hinaus gilt es, Verständnis für Chancen und Gefahren bei ungenügendem Schutz der eigenen Innovationen zu entwickeln und diese transparent zu machen.

Fazit

Zu einem nachhaltigen Erfolg eines Unternehmens / Organisation gehört die Aufgabe Potentiale zu erkennen und zu erschließen. Dies gilt auch oder im Besonderen für den Umgang mit Non-Tangible-Assets, dem Intellectual Property des Unternehmens. Der dafür benötigte Ressourceneinsatz stellt eine notwendige Investition in die Zukunft dar. Dabei ist nicht nur das Engagement der IP-Abteilung gefragt, sondern insbesondere auch das aller am Wachstum des Unternehmens / Organisation aktiv Beteiligten.


Literaturverzeichnis

Berres, W., Calsbach, S., Ising, S., Kaiser, L., Mittelstaedt, A., Tümmler, H.-P., . . . Zwirner, C. (November 2021). DIN 77006 – Ein Mangementsystem für den Umgang mit IP. Mitteilungen der deutschen Patentanwälte, S. 473 – 524.

Deutsche Industrie Norm. (06 2020). DIN 77006: 2020-06. Intellectual Property Managementsystem – Anforderungen. Beuth-Verlag.

Haag, A., & Deursen, S. v. (2022). BITT-Technologieberatung.                                     Von ISB: Investions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz abgerufen

Kaiser, L., & Tümmler, H.-P. (November 2020). IP-Management auf dem Prüfstand.        Von https://www.deutscheranwaltspiegel.de abgerufen

Recklies, O. (März 2001). Hindernisse im Change Managment.                                     Von https://docplayer.org abgerufen

Wellmann, P. (06. 09 2022). MDR: Großbaustelle oder nur die Spitze des Eisbergs?        Von https://www.devicemed.de abgerufen


Der Autor

Dr. Hanns-Peter Tümmler ist Physiker und war bis zu seinem Ruhestand 31 Jahre bei B. Braun Aesculap in Tuttlingen in verschiedenen Verantwortungsbereichen tätig, zuletzt als Senior Patent Counsel. Dr. Tümmler ist Vorsitzender des Vorstandes von QIMIP, der Qualitätsinitiative für das Management von Intellectual Property (IP)